Digitalisierung als Selbstzweck

Gadgets zwischen Sinn und Unsinn

Digitalisierung als Selbstzweck

Die Digitalisierung boomt. Ob Logistik, Medizin, Automobilindustrie, Touristikbranche, öffentliche Verwaltung, Versicherungen oder Banken – kein Wirtschaftszweig bleibt davon unberührt, auch wenn hierzulande noch starker Nachholbedarf herrscht, wie etwa der deutsche Investor und Unternehmer Frank Thelen beklagt. Aber was lohnt sich wirklich zu digitalisieren und was nicht? Muss man auf jeden Trend aufspringen und jedes neue Gadget als Meilenstein in Richtung digitale Zukunft feiern? Schließlich bedeutet Innovation doch, Neuerungen gegenüber offen zu sein – oder?

„If you open your mind too much, your brain will fall out“, sang der australische Komiker Tim Minchin einst augenzwinkernd: Bei aller Offenheit für das Neue besteht auch immer die Gefahr, dass diese zum Dogma wird und somit in Engstirnigkeit umschlägt. Dann verbietet das Credo „anything goes“ jedwede kritische Beurteilung. Und man beklatscht jede neue Erfindung aus Prinzip, statt zunächst nach ihrer Sinnhaftigkeit zu fragen – auch wenn sich die Innovationskraft oft darauf beschränkt, analoge Prozesse eins zu eins in digitale zu übersetzen und mit einem schicken User Interface zu versehen. Jenseits von konservativem Kulturpessimismus auf der einen Seite und naiver, zu allem „Ja“ sagender Digitalisierungseuphorie auf der anderen fällt es dieser Tage schwer, einen dritten Weg auszumachen. Zum Beispiel einen, der das wahre Potential digitaler Infrastrukturen erkennt, ausschöpft und daraus völlig neue Geschäftsmodelle entstehen lässt. Denn wer erfolgreich digitalisieren möchte, muss nicht nur neu machen, sondern auch neu denken. Andernfalls degradieren sich vermeintliche digitale Pioniere selbst zu Erfindern unnützer Maschinen.

 

Digitalisierungsprojekte auf Abwegen

Nicht nur in der Technologiebranche selbst geben sich Chief Innovation Officers, Futuristen, selbsternannte Visionäre und digitale Pioniere mittlerweile die größte Mühe, die Vorteile der Digitalisierung derart zu verabsolutieren, dass auch Erfindungen weit jenseits des Nützlichen allenthalben frenetisch beklatscht werden. Freilich mögen triviale Alltagsgegenstände, die auf einmal internetfähig sind, die Fantasie beflügeln, Sci-Fi-Fans schmeicheln und die Bedürfnisse des Nutzers von morgen antizipieren. Doch zwischen Inspiration und Absurdität liegt oft nur ein schmaler Grat. Digitale Totgeburten durch mangelnde Sicherheit, Overengineering und Zwecklosigkeit sind nicht nur kostspielig und gefährlich, sondern schüren Vorurteile. Und die wiederum spielen jenen in die Hand, die Digitalisierung per se verteufeln und ihr eine schleichende Entmündigung des Individuums unterstellen. Wenn sich die Digitalisierungsbewegung selbst ad absurdum führt – zum Beispiel dadurch, dass sie Nutzer und Konsumenten für dumm verkauft oder ihrer Privatsphäre beraubt – braucht sie sich über Imageprobleme nicht zu wundern. Und: Dass bis zum Jahr XY soundso viele Milliarden Geräte vernetzt sein werden, bedeutet doch nicht zwangsläufig, dass alles, wirklich ALLES, vernetzt sein muss – auch wenn der Begriff „Dinge“ im „Internet der Dinge“ so schön unspezifisch ist und jede Menge Interpretationsspielraum lässt…   

Beispiel 1: Gamification der Mundhygiene

Das Paradebeispiel für das sinnlos vernetzte „Ding“: die regelmäßig persiflierte vernetzte Internet-Zahnbürste. Klar, es gibt mittlerweile marktreife Geräte von Oral B, Philips oder Kolibree, die sich per Bluetooth (nie war der Name dieses Protokolls unpassender!) mit einem Smartphone koppeln lassen, das man dann auch während des täglichen Reinigungsrituals nicht mehr aus der Hand legt. Für Kinder bietet Kolibree sogar ausgeklügelte Zahnputzspiele fürs Smartphone. „Elevate your brushing experience“ ist auf der Oral-B-Seite zu lesen. Zum Erlebnis wird das morgendliche Zähneputzen aber gewiss nicht dadurch, dass man dank High-Tech nun ein Gerät mehr als bisher bedient und hinterher die Zahlen, Daten und Fakten seines Putzverhaltens – oder das des Nachwuchses – analytisch auswertet, die Zahnhygiene also noch länger dauert als bisher. Die regelmäßigen Zahnarztbesuche, professionellen Zahnreinigungen usw. kann die schlaue Bürste noch nicht ersetzen. Und von Langzeitstudien zum Verhältnis von Karies und intelligenten Zahnbürsten hat man noch nicht allzu viel gehört…

Beispiel 2: Die Gabel als Ernährungsberater

Was viele Lifestyle-Digitalisierungsprojekte gemein haben: Sie dienen oft dem Zweck der Selbstdisziplinierung, nach der Devise: Wenn Technologie den inneren Schweinehund besiegt, brauche ich es nicht mehr selbst zu tun. Auch das Gadget HapiFork fällt unter diese Rubrik. Wer gerne sein Essen in sich hineinschlingt, der braucht, wenn er langsamer essen möchte… richtig: eine intelligente Bluetooth-Gabel, die ihn in Sachen Ernährung coacht. Und eine App, die einem wie ein strenger Erzieher auf die Finger klopft, wenn man wieder einmal zu schnell, zu viel und zu ungesund gegessen hat. Die Zielgruppe: Frauen, die in erster Linie ihr Gewicht reduzieren möchten. Die anderen, medizinischen Versprechen der High-Tech-Gabel dürften bei der Kundenansprache eine untergeordnete Rolle spielen.

Beispiel 3: Toyfail – Wenn der Teddybär zum Hacking-Opfer wird

Cloud Computing hat längst auch Kinderzimmer erobert: Ende 2016 sorgte die Internet-fähige Sprechpuppe „Cayla“ für einen Skandal. Stellt das Kind seiner Puppe eine Frage, verbindet sich „Cayla“ per Bluetooth mit dem Internet, um die Frage zu beantworten. Genauer: Die Spracheingabe wird über das Internet an einen Server gesendet, der die Anfrage bearbeitet und die Antwort zurück an Cayla schickt. Die scheinbar harmlose Puppe, die doch nur ein Pläuschchen mit ihrem Besitzer oder ihrer Besitzerin halten möchte, ist mittlerweile laut Bundesnetzagentur ein verbotenes Spionagegerät. Bei Besitz drohen bis zu zwei Jahre Haft.

Einen Eklat verursachte jüngst auch die Firma CloudPets, die internetfähige Plüschtiere herstellt: Durch eine Sicherheitslücke konnte Hackern ein Datendiebstahl im großen Stil gelingen, wie u. a. Motherboard berichtete. Die MongoDB-Datenbank der Herstellerfirma Spiral Toys war nicht durch eine Firewall oder ein Passwort geschützt. So wurden die 800.000 Nutzerkonten geknackt und Zugangsdaten gestohlen. Ein #toyfail auf ganzer Linie!

Auf den Spuren Rube Goldbergs

Dass Overengineering – wenn es nicht gerade zu gefährlichen Sicherheitslücken oder physischen Gefahren für den Anwender führt – oft eine unfreiwillige Komik in sich birgt, zeigte schon Rube Goldberg mit seinen irrwitzigen Domino-Effekt-Konstruktionen, die als „Rube Goldberg Machines“ in die Geschichte eingingen. Eine geistige Erbin des Erfinders und Cartoonzeichners ist die junge schwedische Ingenieurin Simone Giertz, die sich selbst „Queen of Shitty Robots“ nennt und mit ihren Gimmicks auf äußerst unterhaltsame Art und Weise vor Augen führt, dass Digitalisierung bzw. Automatisierung längst nicht in allen Bereichen des Alltags sinnvoll ist – und Roboter eben noch nicht die besseren bzw. geschickteren Menschen sind.

 

Auch der Twitterkanal Internet of Shit verfolgt und parodiert die absurden Auswüchse und Gefahren des Digitalisierungshypes.  

Wo ist Digitalisierung wirklich sinnvoll?

Wer sich eine eigene Meinung bilden möchte, in welchen Bereichen des Lebens digitale Lösungen sinnvoll und gewinnbringend eingesetzt werden können und wer sich zu neuen und wirklich innovativen Geschäftsmodellen inspirieren lassen möchte, hat auf der diesjährigen CeBIT (20.-24. März) Gelegenheit dazu. Unter dem Top-Thema „d!conomy“ laden diverse Showcases dazu ein, digitale Lösungen von Smart Cities über autonome Transportmittel bis hin zum Thema „Workplace of the Future“ unter die Lupe zu nehmen. Die schiere Bandbreite an Technologien, Herstellern und Anwendungsgebieten ermöglicht Messebesuchern dabei eine tiefgründige Auseinandersetzung mit der Ökonomie der Digitalisierung und eine differenzierte, unabhängige Meinungsbildung.

Auch Yatta wird vor Ort sein. Besuchen Sie uns in Halle 2, Stand-Nr. A38, 11 und diskutieren Sie mit uns über Digitalisierung. Auch werden wir von den CeBIT Global Conferences berichten, die in diesem Jahr 3.000 Teilnehmer nach Hannover locken und u. a. den Whistleblower Edward Snowden und Ray Kurzweil, Vordenker in Sachen künstliche Intelligenz, als Redner auf dem Programm stehen haben.

Diana Kupfer ist Community Manager bei Yatta.